Rüdiger Schwahn
Posted 2. Juni 2010 at 20:41

Lieber Martin,

1. Solange jemand die Gabe besitzt “offen” durch die Welt gehen zu können, so lange wird er auch nie ausgetretene Pfade seiner Gefühlswelten hinterlassen.
Die Gefühlsfähigkeit wird immer die Gleiche bleiben nur der Umgang mit ihr kann sich ändern. Gute oder schlechte Gefühle gehören zum Menschen, die Frage ist oft welche von den Beiden lasse ich zu wenn ich dem anderen Menschen begegne!

2. Kann man sich überhaupt in ein Thema “einarbeiten”, und wenn ja, ensteht dann die große Kunst wenn ich eifrig genug war? Ist es nicht so, dass ein Künstler der nicht über seinen Tellerrand schauen kann, in seiner kleinen Welt gefangen bleibt? Er wird nie eine neue eigene Welt erschaffen können, sein Los ist das Abkupfern, das schlechte Kopieren anderer Kunst! Jetzt stellt sich die Frage, möchte ich ein besserer Künstler oder ein besserer Mensch werden, sind Lebensgefühl – Kunstgefühl nicht trennbar voneinander, sollten sie eine Einheit bilden? Karierte Lebenseinstellung gleich beschränkte Kunst? Echte Kunst lässt sich nicht trennen von der Realität des eigenen Seins. – Überschreite ich Grenzen im Leben so kann auch meine Kunst ohne Grenzen sein. Bin ich ängstlich, so ist meine Kunst nicht frei! Bin ich im wirklichen Leben ein Chaot so ist mein Kunst frei und wunderbar! Bin ich angepaßt, so wird meine Kunst nicht über den Tellerrand fließen. Nicht die anerzogene Sichtweise bringt mich weiter sondern DIE Sichtweise durchdringt die Wirklichkeit, die sich losgelöst hat von den Normen. Nur durch sie habe ich die Möglichkeit einer anderen Perspektive. Was nützt mir der Gleichklang mit dem Rest der Welt, er macht taub und blind. Normen müssen abgelegt werden, denn sonst steht meine Kunst auf der Basis des Gefälligen, nicht Auffallenden, Oberflächlichen, nichts Wagenen, Zögernden, nicht Aneckenden, kurzum, wer nicht erkennt welche Freiheiten/Möglichkeiten die Kunst ihm bietet, wer dieses Geschenk nicht annehmen kann, der sollte weiterhin seine Erbsen zählen und den Kunstmarkt nicht mit Peinlichkeiten erfüllen! Und außerdem, wer sich nach Jahren immer noch mit beseeltem Blick darauf beruft Meisterschüler bei Dem und Dem gewesen zu sein, ist wohl stehen geblieben und kann wohl noch immer nicht sebstständig existieren! Ein Esel bleibt ein Esel, da hilft auch nicht die Makulatur eines Zebras!

3. Nur wer den Künstler kennt wird seine Kunst verstehen? Schade das es so ist! Will ich überhaupt das jemand meine Kunst versteht in dem Sinn “was hat der Künstler sich dabei gedacht”. Ist es nicht viel spannender wenn ich dem Betrachter eine neue Version der Dinge durch meine Objekte und Skulpturen vermitteln kann und im Idealfall eine eigene Sichtweise anrege evtl. ein Aha-Erlebnis auslöse? Der Rezipient sollte erst für sich und in sich schauen, seine Gefühle akzeptieren, erst dann wären Erklärungen des Künstlers angebracht, wenn überhaupt. Zu meinen Arbeiten muss gesagt werden, dass sich meine Gefühlswelt unterschiedlich auf meine verschiedenen Arbeiten auswirkt und in Beziehung tritt.

Bei der Entstehung meiner Objekte bestimmt das verwendete Material meine Gefühle und ich werde bei der Ausführung vom Material geleitet. Somit muss ich mich nicht mit einem Thema auseinander setzen. Das heißt, schon bei der Auswahl der Objektmaterialien verwende ich Dinge die mich anrühren, in fast mystischer Weise ansprechen. Bei der Entstehung der Objekte verlasse ich mich auf meine Intuition, lasse mich vom Material leiten. Der Verstand spielt eine sekundäre Rolle, eine spielerische Situation, fast ein Trancezustand, den ich oft beim Trommeln erreichen kann. Spannend, weil es kein festgelegtes Ziel gibt, spannend auch die Neugierde darauf, wo mein Losgelöstsein mich hinbringen wird. Am Ende erstaunen (schon wieder so ein Gefühl) über das Ergebnis! Ganz selten ist ein “Geheimnis” entstanden welches ich als nicht gelungen empfunden habe.

Etwas anders die Wertigkeit der Gefühlslage in meiner Malerei. Dort bestimmen meine Gefühle, meine Erfahrungen von vornherein die Thematik meiner Arbeiten! Erlebnisse, Eindrücke stelle ich in realistischer Malweise dar. Durch sie habe ich die Möglichkeit u.a. Visionen/Empörung darzustellen, Missstände aufzuzeigen, losgelöst von dem Gedanken die Welt verändern zu können, aber nicht losgelöst von dem Nichthinschauen und Nichtsdazuzusagen zu haben !!
Aber auch hier, nachdem ich mich nüchtern mit dem Thema befasst habe, formale malerische Aspekte gelöst worden sind, kommen bei dem Akt des Malens ähnliche meditative Momente zum Tragen wie bei der Fertigung der Objekte. Es ist ein unbeschreibliches Wechselspiel der Gefühle, welches faszinierende Momente hervorbringt. Die Pausen in denen ich in das Bild hineingehe, es erfühle, dann der prüfende Moment wo die formalen Dinge im Bild nochmals kritisch betrachtet werden, dann wieder das Arbeiten am Motiv – nur mit sich selbst sein! Dann der Abstand zum Inhalt und der Ausführung des Themas um zu überprüfen ob das, was ich als Botschft vermitteln möchte , auch so beim Rezipienten ankommen könnte, im Idealfall die gleichen Gefühle auslöst.
Der Mensch mit seinen Facetten steht hier absolut im Mittelpunkt. Dazu gehören eben auch Leid, Unendlichkeit, Wildheit, Melancholie, Lethargie- eben Chaosgefühle des Menschen.

Meine Objektkunst zeigt eine Freiheit, völlig abgelöst von der Natur und natürlichen Formen!
In der Malerei genieße ich die Bindung an die von mir gestalteten Formen !!
Dabei komme ich in die Nähe einer rohen vulgären Kunst, die nicht verträumte Märchenstimmungen lebt zwischen Poesien sondern dem Furchtbaren, Gemeinen, Großartigen und Groteskbanalen des Lebens ein Forum gibt.
Mein Bemühen ist, der Welt in all ihren sinnlichen Erscheinungen habhaft zu werden.
Kunst orientiert sich nicht an Harmoniebedürfnis und wohltemperierten Farbkompositionen
- Kunst muss uns iritieren
- Kunst muss nicht schön sein
- muss nicht einmal gefallen sondern kann auch zum Disput reizen.
Gute oder schlechte Kunst entscheidet mein Gefühl, wenn es mein Inneres anrührt ist es gute Kunst !
Zwei Wege – keiner von ihnen ist falsch!

Gruß Rüdiger